Vorschläge zur Verbesserung der Lehre
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Hochschule als Lernort
Für viele Studierende an unserem Institut ist die Hochschule ein Ort der Berufsausbildung. Dabei vollziehen viele Studierende den Übergang aus der Schule an die Schule mit der Zwischenstation Hochschule. An dieser Stelle offenbart sich zum einen die Chance der Hochschule und zum anderen ihr derzeitiges Versagen. Die Studierenden kommen aus der Schule mit ihren Erfahrungen mit professionellen Autoritäten, Lernen nach vorgegeben Curricula, eintönigen didaktischen Konzepten und äußerer Differenzierung. Es ist das Versagen der Hochschule, wenn sie diese so wieder verlassen bzw. gar ein vergleichbares Professionsverständnis entwickelt haben. Die folgenden Seiten sollen einen Beitrag bilden dies zu verhindern.
Seminargestaltung
Ein grundlegender Kritikpunkt unsererseits ist der Ablauf vieler Seminare. Die Kritik richtet sich dabei sowohl an die Seite der Lehrenden als auch an die der Studierenden. Erforderlicher Grundkonsens für die folgenden Ausführungen ist die Wahrnehmung eines Seminars/einer Seminargruppe als Lerngruppe. In der Beachtung der Studierenden als Lernende mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Interessen, Arbeitsweisen, Kompetenzen, Lerntechniken und Vorerfahrungen liegt unseres Erachtens ein möglicher Weg zur Verbesserung der Lehre.
Die Gestaltung eines Seminars muss in Abhängigkeit von den Lernenden vorgenommen werden. Das betrifft sowohl die Vorbereitung als auch die Durchführung. Dabei handelt es sich bei der Frage der Motivation der Studierenden dieses Seminar zu besuchen um eine grundlegende. Neben dem Interesse für das Thema, stellen sicherlich folgende Punkte gewichtige motivationsbeeinflussende Gründe für den Seminarbesuch dar:
- Vorgaben durch Studien- und Prüfungsordnungen (u.a. Scheine),
- günstige zeitliche Lage,
- sympathische Lehrende,
- befreundete Kommilitonen, die das Seminar ebenfalls besuchen,
- Prüfungsvorbereitung oder
- mangelnde Alternativen.
Bezugnehmend auf den einleitenden Absatz sollte die Gestaltung des Seminars auch in ihrer großen Bedeutung hinsichtlich des Lerneffektes mehr Beachtung finden. Eine spätere Wertschätzung der SchülerInnen als Individuen kann - besonders nach jahrelanger gegenteiliger Erfahrung des Lehrers/der Lehrerin in der eigenen Schülerrolle - nur über die eigene Erfahrung als Haltung etabliert werden. Schon Rogers betonte, dass es sich bei einem personzentrierten, wertschätzenden Lernansatz nicht um eine erlernbare Technik, sondern vielmehr um eine über Erfahrung und Überzeugung entwickelte persönlich Haltung handelt, welche nur über ständige Selbstreflektion verwirklicht werden kann. Will man dieser Erkenntnis gerecht werden, so sollte auch über ein prinzipielle Ablösung von den herkömmlichen Lehrmethoden, in denen die Lernenden überwiegend passiv bleiben, nachgedacht werden. Im Zuge der Seminargestaltung könnten beispielsweise in Absprache und unter aktiver Beteiligung der Studierenden verschiedene didaktische und methodische Ansätze geübt, Unterrichts-, Förder- und Diagnostikmaterialien erstellt oder stärker Lehrformen wie Exkursionen, Gastvorträge, Mitarbeit oder Initiierung von Forschungsarbeiten oder öffentliche Präsentation der Seminarergebnisse einbezogen werden. Weitere Vorschläge finden sich im nächsten Kapitel.
Themenwahl
Die Motivation der Lernenden für den Besuch des Seminars sollte eine gewichtige Rolle bei der Seminarplanung einnehmen. In vielen Seminaren bereitet der/die Lehrende einen fertigen Semesterverlaufsplan vor, nach dem die Referate vergeben werden. In einer mündlichen Befragung der häufig unvorbereiteten Studierenden kommen nur gelegentlich eigene, andere Themenvorschläge. Bei einer völlig offenen Seminarplanung können und sollten sich die Studierenden mit ihrer eigenen Motivation und ihrer eigenen Vorstellung von der Bearbeitung des Themas auseinandersetzen können. Hilfreich wäre hierfür eine Befragung der Studierenden nach einer Einführung ins Thema mit entsprechenden Ausblicken für Schwerpunkte, Vertiefungen, Praxisanteile und Erarbeitungsmöglichkeiten. Diese Einführung kann je nach Thema 1-3 Wochen dauern und einen groben Überblick über die Unterthemen und vertiefende Literatur bieten. Eine schriftliche Erhebung der Motivation und der eigenen Interessenschwerpunkte beim vorliegenden Thema kann verhindern, dass sich nur die “üblichen Verdächtigen” zu Wort melden. Hierfür können auch die Möglichkeiten des Internets gewinnbringend genutzt werden, um nicht (wie häufig) eine komplette Sitzung für Diskussion und Themenvergabe zu beanspruchen. Sollte ein Großteil der Lerngruppe keinerlei Interesse am Thema aufweisen ist zu überlegen, woran dies liegen kann und ob/wie das Thema verändert werden kann. Kann das Seminar aus Zeitgründen nicht besucht werden, sollte es die Möglichkeit geben, den Seminarverlauf, die Literaturbearbeitung, Außentermine sowie die Diskussionsergebnisse im Internet zu verfolgen, um das Eigenstudium entsprechend ausrichten zu können. Ausgezeichnete Hausarbeiten, Seminararbeiten und Essays aus vergangenen Semestern könnten als Überblicksliteratur oder Diskussionsgrundlage mit Genehmigung der Verfasser/innen weiterverwendet werden. Letztlich erweist sich auch die Erkenntnis sich nicht weiter mit einem Thema befassen zu wollen u.U. als eine wertvolle. Gegebenenfalls ist es sinnvoll zu Beginn des Seminars das Thema mittels schriftlichem Brainstorming in seiner Breite aufzufächern. Im Zusammenhang mit der Themenauswahl im Seminar sind alle Beteiligten aufgefordert die Relevanz des Themas für die persönliche Entwicklung bzw. die spätere berufliche Praxis zu beleuchten, damit die Seminargruppe in der Lage ist zu entscheiden inwieweit sie gewillt ist sich mit dem Thema zu befassen. Ein solches Vorgehen ermöglicht den Studierenden eine Auswahl des Themas für etwaige Seminarbeiträge zu treffen, unabhängig von der zeitlichen Planung des Seminars und in Übereinstimmung mit ihren Interessen. Dabei ist es sicherlich hilfreich auf Grundlagen der einzelnen Themen zu verweisen. Natürlich sollte es — sofern die Lerngruppe dies wünscht — auch möglich sein ergänzende Themen aufzugreifen, insbesondere dann, wenn sie voraussichtlich nicht von anderen Seminaren abgedeckt werden. Die oben erwähnte schriftliche Befragung bietet auch die Möglichkeit zu erheben, wer sich wie intensiv mit welchen Themen bereits beschäftigt hat. Dies ist notwendig wenn man die Studierenden als Individuen wahrnimmt, deren persönliche Entwicklung anzuregen ist und nicht als graue Masse mit identischen Bedürfnissen.
Themen, die in Seminaren nicht ausreichend behandelt und angesprochen werden, trotzdem in Interesse der Studierenden liegen, könnten ebenfalls den Lehrenden auf den Lehrplankonferenzen mitgeteilt werden, bevor diese die Lehre für das neu zu planende Semester bei der KLS einreichen. Dies macht es jedoch erforderlich, dass die Lehrplankonferenzen frühzeitig durchgeführt, damit auf Anregungen der Studierendenschaft eingegangen werden kann.
Da ein Seminar ein Thema in der Regel nicht erschöpfend behandeln kann/soll, ist es u.U. hilfreich wenn der/die Lehrende oder einzelne Studierende zum Ende des Seminars einen Überblick über weitere Aspekte des Themas und relevante Quellen geben. Auch Studienkreise oder Tutorien können bei entsprechendem Interesse angeregt werden. Werden diese dazu von Lehrenden betreut und begleitet, könnten sich daraus auch anerkannte, weiterführende Veranstaltungen auf Projektbasis entwickeln.
Leistungen von Studierenden
Der Nachweis von Leistungen durch eine Vielzahl von Studierenden in einem Seminar ist und wird ein Problem der Universität bleiben. In einer solchen Situation ist jedoch zu überlegen, inwieweit es sinnvoll ist, wenn alle Studierenden, die einen Schein erwerben wollen, einen Seminarbeitrag in Form einer Präsentation übernehmen sollen. Übliche Formen der Leistungsnachweise (Referat mit Ausarbeitung, Seminararbeit) könnten durch alternative Nachweise ergänzt werden, z.B. Organisation und Vorbereitung eines Gastvortrages mit Ausarbeitung der Diskussionsergebnisse, Präsentation in Form von Ausstellungen oder Postern, Essays, Literaturrecherchen, Beiträge zu Forschungsarbeiten, Nachweis des kontinuierlichen Engagements in Arbeits- oder Studiengruppen, Erstellen von Unterrichts-, Förder- oder Diagnostikmaterialien. Voraussetzung müssen immer offene, transparente Absprachen, eine angemessene Betreuung der Arbeit und nachfolgende ausführliche Besprechung mit Verbesserungstipps sein.
Seminarbeiträge
Seminare, die zu einem Großteil aus Beiträgen von Studierenden bestehen bedürfen transparenter Leistungsstandards, die am Anfang des Seminars gemeinsam festgelegt werden und von der Lerngruppe akzeptiert werden. Solche Vereinbarungen sind eine Möglichkeit abgelesene 90-Minuten-Referate zu vermeiden. Solche Leistungsstandards können sich sowohl auf die Qualität von Materialien (Lesbarkeit von Folien, Umfang von Handouts, Bereitstellung von Quellen), auf die inhaltliche Qualität (z.B. kein ausschließliches herbeten von Ansichten Dritter) als auch auf didaktische Überlegungen (z.B. keine ausschließlich frontalen Beiträge) beziehen. Mit dem Verständnis eines Seminars als Lerngruppe verbindet sich auch der Anspruch einer didaktischen Konzeption für jeden Beitrag, der innerhalb der Gruppe erbracht wird. Dabei bieten Vorbesprechungen mit dem/der Lehrenden im Vorfeld der Beiträge die Möglichkeit die didaktischen Überlegungen gemeinsam zu reflektieren und vermeidbare Fehler zu verhindern (beispielsweise muss nicht jeder die Erfahrung selbst machen, dass Folien mit Schriftgröße 12 zu klein sind). Insbesondere bietet ein solches Gespräch durch die gemeinsame Reflektion die Möglichkeit, dass die Studierenden selber den Einsatz ihrer gewählten didaktischen Mittel nochmal im Vorfeld überdenken (nicht jedes Thema muss in Gruppenarbeit bearbeitet werden). Durch eine klare Definition von Anforderungen im Vorfeld studentischer Beiträge ist es auch eher möglich die Scheinvergabe an ebensolche Anforderungen zu koppeln. Ein solches Vorgehen wird unter Umständen in den ersten Semestern auf Widerstand stoßen, bildet aber eine Chance auch die Qualität studentischer Beiträge zu steigern. Insbesondere an einer pädagogischen Fakultät sollte es leicht möglich sein, den Studierenden zu vermitteln, dass auch in der Erwachsenenbildung eine didaktische Konzeption von nöten ist und es sich dabei nicht um eine Schikane, sondern um eine Maßnahme zur Qualitätsentwicklung handelt. Neben den Beiträgen von Studierenden kann auch das Verhalten der Gruppe bei der Festlegung der Leistungsstandards thematisiert werden, beispielsweise hinsichtlich des Literaturstudiums im Vorfeld des Seminars oder störenden Privatgesprächen im Seminar. Nach den Seminarbeiträgen sollte immer noch genügend Zeit sein (mind. 15 Minuten), dass die Seminargruppe den Referenten ein konstruktives Feedback geben kann. Deshalb sollten Beiträge höchstens 75 Minuten dauern und bei Überschreitung der Zeit abgebrochen werden (In der Schule hat man auch nur 45 Minuten Zeit für seinen Stoff und bei Vorträgen gibt es auch Zeitvorgaben, die eingehalten werden müssen).
Wenn in einem Seminar alle Studierenden mündliche Seminarbeiträge erbringen müssen und die große Zahl der Studierenden es erforderlich macht Gruppen zu bilden, die mehr als 3 Studierenden umfassen, ist es unter Umständen sinnvoll das Seminar zu teilen und die Studierenden in zwei Räumen selbstständig arbeiten zu lassen. Da die Beiträge und deren didaktische Konzeption im Vorfeld mit dem/der Lehrenden abgesprochen sind, ist es durchaus möglich die eine Lerngruppe ohne die “Aufsicht” des Lehrenden arbeiten zu lassen. Dabei handelt es sich für die Studierenden die ohne die Aufsicht des/der Lehrenden agieren um realistischere Lehrsituationen, die sicherlich hilfreich sind um mit der Rolle eines Lehrenden umgehen zu lernen. Insbesondere größere Seminare können von einer räumlichen Aufteilung enorm profitieren. Die Abwesenheit der Lehrperson bietet zu dem Platz für selbstverantwortliches Lehren und Lernen. Letzlich zeigt dieser Weg den Studierenden, dass es darum geht ihnen persönliche Anreize und Entwicklungsmöglichkeiten zu geben und nicht um die bloße Vermittlung von Handwerk für den Beruf.
Scheinerwerb
In der Regel muss man für ein Seminar zum Schein eine Leistung erbringen. In der Doppeldeutigkeit des Satzes liegt auch das Problem das ein solches Vorgehen mit sich bringt. Hausarbeiten/Belegarbeiten werden im Allgemeinen verfasst um sich gemeinsam mit anderen auf dem Schreibtisch des/der Lehrenden zu stapeln. Ob sie gelesen werden oder nicht hängt stark von den zeitlichen Kapazitäten der/des Lehrenden ab. Der geforderte Umfang solcher Belegarbeiten schwankt von Abteilung zu Abteilung und reicht von 5-25 Seiten (beide Beispiele didaktische Hauptseminare). Vorgaben werden oft hinsichtlich des Umfanges gemacht, so dass Studierenden sich z.T. noch fünf Seiten aus den Fingern saugen nur um die 20 Seiten vollzubekommen. Anforderungen an den Inhalt werden nur selten gestellt. D.h. viele dieser Hausarbeiten werden oft nur geschrieben um einen Schein zu erwerben/wahren. Eine Leistung des/der Studierenden kann nachgewiesen werden, unabhängig von ihrer fachlichen Qualität. Der Nutzen dieser Leistung liegt lediglich auf Seiten des/der einzelnen Studierenden, der/die durch das Verfassen der Arbeit unter Umständen einen Lernzuwachs hat. An dieser Stelle ist zu überlegen inwieweit Leistungen von den Studierenden erbracht werden können, die dann auch wieder der Gemeinschaft zur Verfügung stehen. Dies kann beispielsweise durch die (institutsinterne) digitale Veröffentlichung der Arbeiten geschehen. Ein solches Vorgehen hätte zur Folge, dass:
- Gedankengänge sich mit der Zeit weiterentwickeln können,
- Wissen damit personenunabhängig zur Verfügung steht,
- Arbeit, die einmal gemacht wurde nicht “verloren” geht und
- die Ausarbeitungen von Dritten gelesen werden und darüber die Studierenden ein Feedback erhalten können.
Ein solches Vorgehen wirft eine Frage zum weiteren Vorgehen auf. Bisher haben regelmäßig Studierende Arbeiten zu identischen Themen geschrieben und nur gelegentlich von einander abgeschrieben. Da die verfassten Arbeiten nur den Lehrenden zur Verfügung standen stellte dies kein Problem dar. Wenn die alten Arbeiten zum Thema bereits veröffentlicht sind, ist bei neueren Arbeiten darauf zu achten inwieweit sie nur bereits referierte Sachverhalte wiederholen oder ob sie neue Aspekte/Quellen eines Themas erschließen. Auch hier sind im Vorfeld definierte Standards erforderlich, die sich eher auf die Qualität von Leistungen beziehen sollten, als auf ihren Umfang. Diese Standards sollten mit der Lerngruppe abgesprochen werden und dokumentiert werden um Unklarheiten zu vermeiden. Vorstellbar wäre, dass Studierenden, so sie nicht ein neues Thema bearbeiten, sie auf vorhandene Arbeiten aufbauen, diese um Quellen und eigene Denkansätze ergänzen, nach Rücksprache mit dem/der Lehrenden umstrukturieren und ihre eigene Leistung farblich klar vor der Vorgängerversion abheben. Auch andere Formen von Leistungen können genutzt werden. Denkbar ist beispielsweise, dass Studierende Poster erstellen, Exkursionen vorbereiten, Interviews mit vorgegeben/selbsterstellten Leitfäden durchführen, eigene kleine Fragebogenerhebungen zu selbst ausgewählten Themen durchführen und auswerten, Projekte an Schulen durchführen, Protokolle der Veranstaltungen erstellen oder Vorträge organisieren. Wichtig erscheint letztlich die Energie der Studierenden zu nutzen. Den Lehrenden steht die Arbeitskraft von hunderten Studierenden zur Verfügung und im Normalfall verpufft sie in Hausarbeiten, die u.U. niemand liest.
Einbeziehung von Studierenden in Forschungsarbeiten
Projektbezogene Veranstaltungen zur Forschungsmethodik helfen den Studierenden praktische Kompetenzen zu entwickeln. Diese stehen dann auch für eigene Forschungsarbeiten/Zuarbeiten für größere Projekte zur Verfügung. Zudem lernen die Studierenden dadurch eigene Fragestellungen zu bearbeiten und sich jenseits bereits beschrittener Denkpfade zu bewegen. Neben den gewonnenen Informationen ist der Lernzuwachs für die beteiligten Studierenden enorm. Insbesondere in Studiengängen mit Credit-Point-System bieten sich solche Lernformen an, da dem Aufwand entsprechend Credits vergeben werden können. Wünschenswert wäre es, wenn die Studierenden sich im 2. oder 3. Semester einem Forschungsprojekt zuordnen könnten, bei welchem sie bis zum Ende ihres Studiums mitarbeiten könnten. Dies bietet den Lehrenden die Möglichkeit, z.B. zeitraubende Forschungsschritte zu delegieren, Fragestellungen der Studierenden miteinzubeziehen und damit den Forschungsgegenstand zu erweitern bzw. neue Forschungsprojekte zu initiieren. Für die Studierenden bietet sich dadurch nicht nur ein Einblick in Forschungsmethodik und -vorgehen, sondern evt. auch die Möglichkeit, bereits erbrachte Leistungen in die Diplom- oder Examensarbeit einzubringen oder Ideen dafür frühzeitig zu entwickeln. DIe Arbeit in einer relativ festen Gruppe bietet zudem den Vorteil, eine studentische Bezugsgruppe im Studium aufzubauen, über die wichtige Informationen und Unterstützung geleistet werden könnten (Hilfestellung und gegenseitige Beratung bei Hausarbeiten, Erfahrung von Teamarbeit, Hinweise auf nützliche Veranstaltungen oder Termine etc.).
Exkurs: Lektüre-Seminare
An dieser Stelle ein kurzer Exkurs zu einer anderen Form von Seminar, die nur selten am Hause genutzt wird: Lektüreseminare. Auch diese Form kann so gestaltet werden, dass die Leistung der Studierenden für Prüfungsämter nachweisbar wird. Eine im Vorfeld (mindestens eine Woche) feststehende und möglichst online verfügare Quelle wird von den Studierenden wahlweise in Gruppen oder einzeln außerhalb des Seminars bearbeitet. Zu beantwortende Verständnisfragen oder Leseprotokolle zeigen dem/der Lehrenden inwieweit der Text verstanden wurde bzw. wo noch offene Frage bestehen. Diese offenen und beantworteten Fragen können dann im Seminar zur Diskussion gestellt werden. Wenn die Studierenden einen ausreichend großen Anteil an Texten gelesen haben und die Fragen sinnvoll beantwortet haben, dann kann ihnen auch offiziell eine Leistung bescheinigt werden. Für diese Form des Seminars sind auch Essays als besonders sinnvolle Möglichkeit des Scheinerwerbs einzustufen.
Feedback
Nur in wenigen Seminaren trifft man auf eine ausgebildete Feedback-Kultur. Zum Teil wird es gar nicht eingeplant, zum Teil fällt es aus Zeitmangel aus und zum Teil findet es in einer Form statt, in der es niemandem etwas nützt. Eine Selbsteinschätzung durch die Studierenden, ein strukturiertes Feedback der anderen Studierenden (orientiert an den selbstgesetzten Standards hinsichtlich Inhalt, didaktischer Aufbereitung etc.) und sofern noch nötig durch die/den Lehrende/n. Aufgabe des Lehrenden bleibt es dabei darauf zu achten, dass sich das Feedback nicht auf die “üblichen Verdächtigen” beschränkt und dass es nicht zu einseitig ausfällt. Zur Einbeziehung sonst Unbeteiligter bietet sich z.B. ein Stimmungsbarometer an, dass zu den vorgegeben Standards zwischen erfüllt/nicht erfüllt oder positiv erlebt/negativ erlebt differenziert. Protokolle des Feedbacks für die betroffenen Studierenden helfen sich in späteren ruhigeren Momenten noch einmal mit der eigenen Leistung zu befassen. Die besondere Relevanz des Feedbacks zu Ausarbeitungen und Hausarbeiten wird derzeit entweder nicht erkannt oder aus Zeitgründen nicht umgesetzt, denn nur selten erfolgt ein umfangreiches Feedback was auch die bearbeiteten Inhalte und Argumentationsansätze berücksichtigt. Eine kritische Einschätzung/Einordnung der erbrachten Leistungen hilft den Studierenden das eigne Können und Wissen selbst einschätzen zu können und damit auf Prüfungssituationen besser vorbereitet zu sein. Nicht alle Wege würden für die Lehrenden eine zusätzliche zeitliche Belastung darstellen, beispielsweise könnten die Gutachten der Examens-, Diplom- und Bachelorarbeiten, die für die Prüfungsämter angefertigt werden, den Studierenden zur Verfügung gestellt werden.
Evaluation des Seminars
Bei Auswertungsgesprächen im Seminar ergibt sich häufig der Eindruck, dass sich immer dieselben Studierenden zum Seminar äußern. Da es das Ziel sein muss alle Studierenden zu erreichen und ihre Ansichten über den Lernprozess eine wichtige Grundlage bieten für die Gestaltung kommender Veranstaltungen stellt sich die Frage, wie man die Ansichten der Studierenden erheben kann. Ein möglicher Weg ist es diese auf schriftlichem Weg zu erlangen. Dabei ist es aber entscheidend, inwieweit die Studierenden das Gefühl haben das die geäußerten Ansichten relevant sind. Bei Evaluationen deren Ergebnisse erst fünf Monate später den jeweiligen Lehrenden vorliegen, und deren Einfluss den ausfüllenden Studierenden nicht mehr bewusst gemacht wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass es bei einer Häufung von Evaluationen zu Ermüdungs- und Verweigerungserscheinungen kommt. Eine Evaluation hat nur als Grundlage für Gespräche mit den Studierenden Sinn, d.h. sie müsste beispielsweise drei Wochen vor Semesterende beginnen um dann in der letzten Sitzung zur Verfügung zu stehen.
Dokumentation von Lernprozessen
Ein häufig unterschätztes aber sehr wichtiges Unterfangen ist die Dokumentation von Ergebnissen der Lerngruppe. Dies kann zum einen durch Ausstellungen/Vorführungen von Mindmaps, Postern, Videos u.ä. geschehen oder durch die Erstellung von Protokollen der Seminarsitzungen durch einzelne Studierende. Dies hilft Lernprozesse (z.B. Diskussionen) durch gemeinsames Formulieren nochmals zu reflektieren und stellt außerdem die Ergebnisse auch Personen außerhalb des Seminars zur Verfügung. Zudem hat es den Vorteil, dass die Aufmerksamkeit dem Seminar gewidmet werden kann und nicht dem Schreibblock.
Online-Unterstützung
Ein besonderes Potential liegt in der Nutzung des Internet für die Unterstützung von Lehrveranstaltungen. Insbesondere für die Dokumentation liegt es nahe interaktive Webseiten (Wikis) zu nutzen. Diese können von den Studierenden in Eigenverantwortung gepflegt werden. In keiner Weise ist es hilfreich, wenn der Schritt der Veröffentlichung beispielsweise über unsere Bibliothek vollzogen wird, da diese zu vielen Zeiten nicht geöffnet ist bzw. gerade die wichtigen Teile aus dem Ordner verschwunden sind. Erst mit einem digitalen System hat jede/r Studierende jederzeit und ortsunabhängig Zugriff auf die Dokumentation, Literatur, Ausarbeitungen, Poster und Mindmaps. Wenn die Seiten sinnvoll strukturiert sind, finden auch kommende Generationen von Studierenden noch die Informationen, die sie brauchen und können darauf aufbauen. Ein besonderer Reiz, auch für die Lehrenden, sollte darin liegen, dass man für bestimmte Grundlagenthemen dann auf Angebote in dem Wiki verweisen kann und die Studierenden etwaige Lücken im Grundlagenwissen einfacher schließen können. Um eine Online-Umgebung aufbauen zu können ist es wichtig, dass die Informationen in digitaler Form vorliegen, d.h. Ausarbeitungen, Poster, Protokolle u.ä. werden von den Studierenden als rtf oder pdf-Datei an die Lehrenden oder verantwortlichen Studierende gesendet, die dann die Informationen veröffentlichen.
Sinnvoll wäre es außerdem Mailverteiler für die einzelnen Seminare einzurichten, bei denen sich die Studierenden selbst ein und austragen können. Auch hier können gemeinschaftlich getroffene Vereinbarungen helfen Spam in Form weitergeleiteter E-Petitionen oder anderer Kettenbriefe zu vermeiden. Über solche Mailverteiler könnten Studierende über kommende Beiträge und dafür nötige Vorbereitungen informieren oder Terminveränderungen bekannt gegeben werden. Da zahlreiche Studierende neben diesem einen Seminar noch weitere besuchen oder gar arbeiten (oder einfach ihre Mails nur recht unregelmäßig lesen (also nicht stündlich)), ist es wichtig das Texte oder Aufgaben nicht am Abend vorher versendet werden sondern innerhalb eines abgesprochenen Zeitrahmen.
Inhaltliche Aspekte
Wenn sich die Hochschule als Aufgabe gesetzt hat Studierende bezüglich bestimmter Professionen auszubilden, dann sollte sie sich auch mit dem Blickwinkel der von der Profession Betroffenen auf diese befassen. Dies geschieht im Moment so gut wie gar nicht. Die Universität trägt wie gewohnt dazu bei ein Professionsverständnis auszubilden welches den Blick auf die Bedürfnisse der Betroffenen verstellt. Dabei spielt es in der Regel keine Rolle ob die Betroffenen Kinder oder Erwachsene sind. Die eigene Profession wird dabei über die Lebenswirklichkeit und Interessen der Menschen gestellt, denen man eigentlich Assistenz bei der eigenen Entwicklung leisten soll. Die Einbeziehung von Betroffenen in Lehre und Ausbildung, sowie die Simulation von Lebenssituationen von Betroffenen (Abhängigkeit, Fremdbestimmung) stellen Ansätze dar die Lebenswirklichkeit Betroffener kennenzulernen und zu differenzieren. Wichtig ist dabei darauf zu achten, dass die erlebten Beispiele nicht zu Verallgemeinerungen (“Menschen mit ... sind also ...”) und damit zu neuen Stigmatisierungen führen. Diese veränderte kooperative Betrachtungsweise beschränkt sich nicht nur auf Lehre, sondern muss auch die Forschung des Instituts für Rehabilitationswissenschaften umfassen.
Fazit
Letztlich läuft alles in dieser Betrachtung auf den Respekt gegenüber den Menschen hinaus mit denen man professionsbedingt zu tun hat, seien es Studierende, Kinder oder Erwachsene. Zentral bleibt dabei die Wahrnehmung der Bedürfnisse und das Angebot entwicklungsorientierter Unterstützung.
