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Kieler lese- und schreibaufbau

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die folgenden Inhalte stellen die Zusammenfassung eines Vortrages im Rahmen des Seminares 54811 "Kieler Lese- und Schreibaufbau" bei Frau Boxberger dar (HU zu Berlin, SoSe 2008).

Inhaltsverzeichnis

Inhalt:

1 Lautgebärden: Einführung 1.1 Wer führte wann weshalb welche Systeme ein? 1.2 verschiedene Begrifflichkeiten 1.3 Unterschied: Gebärdensprache - Lautgebärden

2 unterschiedliche Eigenschaften der Gebärden(-Systeme) und Begründungen derer 2.1 Prinzip des Lautreflexes (nach TRATZMÜLLER, 1927) 2.2 Orientierung am Sinnlaut oder am Graphem 2.3 statische oder dynamische Zeichen 2.4 Fein- oder Grobmotorik 2.5 die „idealen“ Lautgebärden 2.6 Minimalkatalog (nach Dummer-Smoch/Hacketal)

3 Fazit


1 Einführung in die Lautgebärden


1.1 Geschichtliche Entwicklung unterschiedlicher Gebärdensysteme

1866 der franz. Lehrer Grosselin entwickelte für Schüler der (damals so genannten) Taubstummenschule ein Gebärdensystem, das zur Kommunikation dienen sollte dieses, wurde durch Radigk und Goldschmidt abgeändert und ab 1960 an Schulen mit dem Förderschwerpunkt (FSP) Lernen angewandt

1900 Hofmann entwickelte ebenfalls ein Gebärdensystem, was auch er für den bereich an der Taubstummenschule anwendete, Hofmann überarbeitete dies (1933/1945) und wandte die abgeänderte Form des Gebärdensystems an Schulen mit dem FSP Lernen innerhalb von BaWü an. Sein Gebärdensystem wurde in den Lehrplan des Landes BadenWürttemberg mitaufgenommen und wird mittlerweile ebenfalls an Schulen mit dem FSP Geistige Entwicklung angewandt.

1921 Koch entwicklte ein System für die Grundschule

1927 Tratzmüller entwickelte ein System für die Grundschule

2000... Mittlerweile gibt es viele verschiedene Gebärdensysteme, die sich unterscheiden, aber auch Schnittmengen aufweisen. Sie werden u.a. für den (Erst-)Leselernprozess eingesetzt, bei Schülern mit Leserechtschreibschwäche (LRS), an Grund-, Förder- und Regelschulen.


1.2 Gebärdensprache - Lautgebärden

Gebärdensprache Ausdrucksgehalt, manuelle Kommunikation ZIEL: Ablesen der Sprache vom Mund, sprachliche Verständigung

Lautgebärden motorische Kontrolle der Lautbildung, Signalwirkung ZIEL: Schriftspracherwerb


1.3 verschiedene Begrifflichkeiten – Was ist was?

"Phonomimik" aus dem Taubstummen-Bereich (GROSSELIN)

"Gebärdenspiel/Fingerlesen" im (Sprach-/)Erstlese-Unterricht der Grundschule (KOCH)

"Mund-Hand-System" aus dem Bereich des FSP Lernen (SCHUBECK/HOFMANN)

"Gebärdenhilfen /Lautgebärden" aus dem Bereich des FSP Lernen (BLEIDICK)


Definitionen

Gebärdenhilfe nach BLEIDICK (Lesenlernen für FSP Lernen)

„Mit der Lautgewinnung wird zugleich eine Geste eingeübt und fortan beim Lesen mitgezeigt.“


Lautgebärde nach SCHULTHEIS (Primarstufe: mit und ohne FSP Lernen)

„Lautgebärde ist Oberbegriff für unterschiedliche Systeme motorischer Hilfestellung bei nicht oder nicht richtig gebildeten Lauten in überwiegend statischer oder dynamischer Form von Handmotorik in mehr oder weniger fixierter Bewegungsgestalt zur Darstellung eines Phonems.“


Lautgebärdelesen nach RADIGK (Lesenlernen für FSP Lernen)

„Beim Lautgebärdelesen handelt es sich um ein motorisch-kinästhetisches System, das eng mit den optischen und akustischen Leistungen verbunden ist, in dem die Bewegung selbst, das Sehen der Bewegung oder des geschriebenen Wortes und die dazugehörige Lautgebung gleichzeitig ablaufen.“


=> im Vordergrund steht immer die Verkoppelung von Motorik und gleichzeitiger Lautgewinnung, wodurch die Signalwirkung erzeugt werden soll


2 unterschiedliche Eigenschaften von Lautgebärden


2.1 Prinzip des Lautreflexes einheitlich entwickeltes System (nach TRATZMÜLLER, 1927)

die Gebärde zeigt die richtige Artikulationsbewegung und Lautbildung im Mund an, die Hand-/Fingermotorik entspricht der Zunge, die Handbewegung soll reflektorisch wirken: Bsp.: ,o’ (die Hände formen eine Schale – ein OOOOsternest)


2.2 Orientierung am Sinnlaut oder Graphem Nachteil an der Sinnlautorienierung: im Deutschen gibt es gleiche Phoneme für versch. Grapheme, z.B. f, v oder ks, chs, x, gs

(f = Kerze auspusten, "gegen den Zeigefinger pusten"; v = "durch die v-zeigenden Zeige- und Mittelfinger hindurchpusten")

HORN-BREUL ,a’ = Mund weit auf, Ahhh! wie beim „Zahnarzt“, linke Hand neben Wange (bildet den kleinen Strich vom ,a’)

BLEIDICK / KRAFT orientieren sich am Sinnlaut = (bei Bleidick/Kraft wird hier meist vom Ausdrucks-Charakter gesprochen): Ah!, Oh., Uuuh…


2.3 statische oder dynamische Zeichen

Bsp.: ,o’ und ,au'(dynamisch) und ,m’ und ,ch’ (statisch)

Wahrnehmung fließender Bewegung = intensive Gedächtnis-Stütze

a b e r : für Bildvorstellung + Dynamik sind Gebärden nicht leicht zu finden, als bsp.

jedoch bei: ,l’ (Gebärde zeigt langen Bart - dynamisch)


Probleme:

beim gleichzeitigen Gebärden und Mitsprechen/Mitschreiben kann Dynamisches zu lang dauern, aber durch Reduktion der Bewegung der dynamisch großen Lautgebärden wird dieses Problem negiert

Doppel-Laut: Absetzen (zweimal ,o’) = Feinmotorik nötig, die bei Schülern der ersten Klassen meist noch unzureichend ausgebildet ist

Bsp. der Reduktion einer Gebärde: ‚ei’ zu Anfang streichelt man über die Wange, später beschränkt es sich auf's Antippen und dann auf die bloße Vorstellung der Gebärde


2.4 Fein- / Großmotorik Systeme neigen zu Feinmotorik/eher kleinen Handzeichen – vermutlich wegen deutscher Gebärdensprach(DGS)-Ableitung, bei der ebenfalls kleine mundnahe Handzeichen verwendet werden

Feinmotorische Gebärden, die mit der linken Hand ausgeführt werden??

pro (KLEINHANS)

Feinmotorik der linken Hand wird geschult

erfordert mehr Konzentration – höherer Bewusstseinsgrad

rechte Hand ist frei für Zeigen und Schreiben


contra (BLEIDICK)

Schulanfänger: keine ausgereifte Feinmotorik

links: viel Konzentration, weil sehr schwer

Schreiben erfordert Aufstützen der linken Hand, sonst leidet die Schrift


Großmotorische Gebärde??

contra

Kind muss beim Lesen aufstehen = verzögert/unterbricht Leseprozess

verhindert schnellen Bewegungsablauf (nicht bestätigt)


pro

Großbewegungen werden mit der Zeit reduziert

Verdecken weniger den Text als mundnahe Gebärden

Vom Lehrer besser überschau-/kontrollierbar

 KRAFT Wichtig ist es, welche Bewegung das Kind besser ausführen kann? Gibt es die Möglichkeit der Synthese?


2.5 die „idealen“ Lautgebärden

ideale Lautgebärden berücksichtigen:

Graphem

Mundstellung

Artikulationsgebiet

Emotionalität

assoziative Bindung

Ausdruckscharakter

Dynamik

Ein-, Beid- oder Wechselseitigkeit in der Ausführung

unterscheidbare Variationen

Einheitlichkeit in der Entwicklung (Bsp. Schubeck: Vokale zeigen großmotorische Arm-Gebärden, Konsonanten zeigen feinmotorische Handgebärden)


2.6 Minimalkatalog (nach DUMMER-SMOCH / HACKETAL)

 Orientierung am Phonem  emotionale Verankerung  Mehrfachverankerung (Erlebnis-, Bild-Assoziation, Ausdrucksbewegung)  Unterscheidbarkeit der Gebärde

wichtig: Gleichzeitigkeit des Lautes und der Gebärde! => reflektorische Wirkung


3 Fazit

- emotional Aufgeladenes bleibt besser hängen, beispielsweise wenn für 'au' die "verletzte Pfote geschüttelt wird"

- Bewegung fördert den Lern-Erfolg

- Verknüpfung: Sprache, Bewegung

- gut: von dem Phonem zur Silbe zum Wort – Kleinschrittigkeit

- negativ: Verbindung bei Tratzmüller zwischen Gebärde und Lippen-/Zungen-/Mundstellung ist sehr komplex und eher nicht aus der Gebärde für die Aussprache ableitbar


Quelle: Dummer-Smoch, Hacketal: Kieler Lese- und Schreibaufbau (1994), Unterthema "Lautgebärden" S. 59–75 / S. 63–68